Zum 08. Mai 2020

Liest man in den Berichten über die Tage des Kriegsendes in unserer Gegend, so kommt gegenüber deren Verfassern fast ein wenig Scham auf, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass der Brandenburger Landtag ein Gesetz verabschiedet, das für heutige Tage eine „landesweite außergewöhnliche Notlage“ feststellt. 

Es gibt wenig Zweifel, gegen die Verbreitung eines gefährlichen Virus ist alles zu tun, was infektionsschutzrechtlich geboten und möglich ist und wir alle müssen uns an die Regeln halten. 

In was für einer Situation, in welcher Not aber befanden sich die Menschen zum 08. Mai 1945 ? Das ist heute kaum noch vorstellbar: nach Jahren lebensbedrohender Gewaltherrschaft und Krieg nun die Todesangst vor Kampfhandlungen vor der Haustür und der Besetzung, die vollkommene Ungewissheit über das, was geschehen würde. Das spiegeln die Berichte wider: Angst vor den ‚eigenen‘ Soldaten, vor Zwang zu sinnlosen Kampfhandlungen des, wie jedermann wusste, längst ‚verlorenen‘ Krieges, aber auch vor Übergriffen der anrückenden Roten Armee; Bombenkrater und Zerstörungen an uns vertrauten Orten unserer heute so friedlich wirkenden Gemeinde ! 

Im heutigen Doppeldorf ging der Krieg um den 21. April 1945 zu Ende, trotz einiger Opfer und Zerstörungen schließlich eher glimpflich und ohne größere Gräueltaten, wie sie anderenorts durchaus vorkamen, insbesondere aber ohne Kriegsverbrechen des Ausmaßes, wie sie die angreifenden deutschen Armeen in Polen, der damaligen Sowjetunion und anderswo begingen.

Aber es gab auch Hoffnung, auf ein Ende allen Schreckens, auf eine bessere Zeit danach. Der 8. Mai 1945, das Kriegsende in Europa – ein Tag „des Sieges“, des „Sieges über den Faschismus“, der „Befreiung“, der „Befreiung vom Faschismus“, der „Kapitulation“, der „Niederlage“ ? 

Ja, es ist auch ein Tag der „Niederlage“, der Niederlage nicht nur eines verbrecherischen Systems der Gewaltherrschaft sondern auch der Niederlage der damit verbundenen Geisteshaltung, im Sinne des Beginnes der Überwindung des Gedankengutes des Totalitarismus und Militarismus, des  Nationalismus einschließlich ‚Führerkultes‘, des Rassismus und Antisemitismus und allem, was sich damit verbindet – eine Niederlage des nationalsozialistischen, ‚faschistischen‘ Ungeistes, über die wir froh und glücklich sein dürfen und die ohne den 8. Mai 1945, den Tag des vollständigen militärischen Unterliegens des nationalsozialistischen Deutschen Reiches kaum möglich gewesen wäre. 

Der 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ darf dabei nicht etwa nur als ‚Befreiung eines gegeißelten Volkes von bösen Herrschern‘ verstanden werden, sondern muss eher als Tag des Beginnes der Befreiung von eben jenem Ungeist begangen werden, denn dieser Ungeist hatte über viele Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in unterschiedlichem Ausmaß weite Teile der Bevölkerung erfasst und war nicht etwa mit dem 8. Mai 1945 verschwunden und besiegt. In allen Teilen unseres Landes dauerten –  in unterschiedlicher Prägung und Färbung, je nach weltpolitischem Einfluss – durchaus Elemente jenes Ungeistes fort und mussten erst über Jahrzehnte der Befassung und Aufarbeitung langsam überwunden werden – ein Prozess der bis heute andauert, der erfolgreich war, aber noch immer der Fortsetzung bedarf ! 

Die Hoffnung der Menschen, wie sie in den sehr persönlichen Berichten zum Kriegsende zum Ausdruck kommt, sie dürfte durch die aktuellen Lebensverhältnisse eher übertroffen sein. Wir können uns einer wirtschaftlich und politisch durchaus stabilen Situation erfreuen, müssen aber noch immer wachsam bleiben, dass die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten, die es auch in unserer freiheitlichen Demokratie nun einmal gibt, nicht durch erstarkende Vertreter eben jenes Ungeistes ausgenutzt werden, um diesen mit bekannten Folgen wieder zu beleben.  

Wir erleben aktuell deutliche Einschränkungen unserer Grundrechte, wie sie viele kaum je erlebt haben – wer hätte gedacht, in unserem Lande einmal so etwas wie einer ‚Ausgangssperre‘ zu unterliegen ? Dem liegen aber nicht Machtmissbrauch und Willkür, sondern Abwägungen verschiedener Grundrechte untereinander (Gesundheit vs. Freiheit) zu Grunde. Dabei geschehen ganz sicher auch Fehler, über die zu sprechen sein wird; insgesamt aber überwiegt Gelassenheit und das breit getragene Gefühl, es handele sich nicht etwa um vollkommen unbegründete staatliche Übergriffe. Die Menschen im Jahre 1945 sahen sich Zeiten ausgesetzt, in denen sich ein jeder vor grenzenloser staatlicher Willkür, Demütigung, Folterung, gar Hinrichtung fürchten musste, Gewaltherrschaft ohne jeglichen Schutz durch Recht und öffentliche Erörterung !

Mit dem 8. Mai 2020 dürfen wir uns über 75 Jahre Frieden in Mitteleuropa freuen, ein Erfolg auch des vereinten Europa. Gleichwohl müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass auch überwunden geglaubte nationalistische Strömungen wieder deutlich zunehmen ! 

Gegen diesen Ungeist gilt es noch immer zu kämpfen, denn die Opfer, derer auch 75 Jahre nach dem 8. Mai 1945 zu gedenken ist, sind nicht nur Opfer, sie sind Opfer von Tätern – Tätern, denen Recht und Menschlichkeit kein Wert war und ist. Krieg ist kein Naturereignis.

Die verschiedenen politischen Richtungen und Historiker sind im Streit, wie man denn diesen Ungeist nun genau nennen möge, da hat auch Vieles seine theoretische und historische Berechtigung. Entscheidend aber ist, was die Menschen verstehen.

Wenn nun der 8. Mai der „Tag der Befreiung vom Faschismus“ ist: da weiß jeder noch am ehesten, was gemeint ist – und wer. 

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